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„Die böse, Kinder verschlingende Märchenhexe, diesmal als andere Mutter“ (19.06.2011)
Die Botschaft des in aufwendigster Stop-Motion-Technik realisierten Films lautet: Selbst ihre Kinder vernachlässigende Eltern sind die besseren Eltern. Das kann sein, muss aber nicht.
Ein Film, der sich vorwiegend an die breite Klientel gestörter Eltern-Kind-Beziehungen wendet?
Im Vergleich mit 11-jährigen, pubertierenden Mädchen aus der realen Welt fällt auf, dass die Protagonistin Coraline im Film mit ihren 11 Jahren eher wie eine magersüchtige 9-jährige daher kommt, die mit einer Übermaßportion emotionslos abgeklärter Erwachsenenaltklugheit ausgestattet, wenig kindhaftes an sich hat.
Ein Film, der von den Vorstellungen erwachsener Schreiber lebt, wie Mädchen im Alter von 11 Jahren wohl "irgendwie" zu sein hätten bzw. sein könnten.
Ausgangspunkt ist das Buch eines Autors, der Bücher für Erwachsene schreibt, sich manchmal - oder auch nur einmal - mit Coraline in das Ressort Kinderbücher begibt, das es über eine Adaption als Hörbuch schließlich zur Verfilmung geschafft hat.
Wer sich ein wenig mit der Welt der Märchen beschäftigt und damit nicht erst mit den durch die Brüder Grimm weichgespülten und bereinigten Versionen mit der Materie angefangen hat, dem entgeht nicht, dass Märchen in ihrer Ursprungsform handfeste Erzählungen über Gefah-ren, Fallen und Lügen des Lebens waren, die Kindern in erzählerischer Form - lange bevor es Bücher, Radio, Fernsehen, Kino und Internet gab - davor warnen konnten, ihr Kindervertrau-en den falschen Leuten entgegen zu bringen und nicht von Neugierde und Fehlvorstellung getrieben, sich ohne es zu ahnen in Gefahren zu begeben, aus denen sie möglicherweise gar nicht oder zumindest nicht unbeschädigt wieder heraus kommen.
Es gibt sie, die "andere Welt", in der Kindervertrauen, deren Arg- und Wehrlosigkeit bis hin zu völliger Vereinnahmung und Ausbeutung ausgeschlachtet wird, bis nichts mehr als gefan-gene und gefolterte Kinderseelen übrig bleiben.
Diese andere Mutter liebt Coraline über alles.
Diese "Liebe" tut weh und vernichtet.
Die andere Welt ist zunächst immer eine Welt der objektiven oder nur subjektiv empfundenen Annehmlichkeiten, verbunden mit dem Erfordernis der Aufgabe sehen zu können, wie sie hinter der als zunächst schön empfundenen Fassade wirklich ist.
Knöpfe anstelle von Augen, die die Wahrheit sehen könnten, als subjektive Verbesserung zum Schweigen gebrachte Spielkameraden, die wegen ihrer Stummheit nicht mehr warnen können - die völlige Vereinnahmung hat ihren Preis.
"Du musst nämlich wissen, alles bei uns hat ein zwiefach Gesicht. Darum, kommst du zu meines Vaters Palast, so könntest du leicht dem Irrtum erliegen, dass du einen wüsten Schutthaufen vor dir hast." hieß es bereits in Ibsens Peer Gynt.
Dem Trollschnitt entkommt Peer Gynt gerade noch, ebenso wie Coraline den Knopfaugen.
Ebenso schlaglichtartig sei auf die alte bildhauerische Darstellung von "Fürst Welt" in der Nürnberger Sebalduskirche hingewiesen.
Man betrachte diese Statue von vorn und von hinten, erinnere sich an das Getier, mit dem sich die andere Mutter umgibt, das sie ißt und das sie in tatsächlicher Form selber ist, schon erlangt man eine andere Allegorie und Methaper.
Fazit:
Die Hintergründe und die Psychologie des Films verlangen Eltern sehr viel bis alles ab, ihren Kindern den Film inhaltlich in seiner gesamten Bandbreite erklären zu können.
Hinzu tritt, dass Eltern kritisch hinterfragt werden.
Ein Umstand, der eine bestimmte Sorte Eltern, vorzugsweise diejenigen, die sich für die guten oder die besseren Eltern halten, dazu bringen wird, diesen Film auf gar keinen Fall mögen zu können.
Für alle anderen kann es ein lohnenswerter Märchenfilm im Kreise der Familie sein.
Die über rot-grün Filterbrillen unterstützte 3D-Variante erbringt minimale Plastizität, erkauft mit genau der grauenhaften Farbverfälschung, wie sie für diese Filterbrillen typisch ist. Dafür läuft diese Variante auf Fernsehern, die nur 2D können.
Die Extras sind nicht uninteressant, bedeuten jedoch kein Argument für einen Kauf.
Der Film sollte bereits aus Gründen der höheren Auflösung und Bildqualität auf Blu-Ray erworben und in 2D betrachtet werden.