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Casanova (DVD)

Casanova

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Detailinfos

Personen
Regisseure: Lasse Hallström
Schauspieler: Oliver Platt, Lena Olin, Jeremy Irons, Heath Ledger, Sienna Miller
Sprachen und Länder
Untertitel: Deutsch, English, Niederländisch, Arabisch, Türkisch, Französisch
Untertitel für Gehörlose: English
Regionalcode: 2
Technische Informationen
Laufzeit: 107 Minuten
Bildformate: 16:9, 2,35:1
Bindung: DVD
Tonformate: DD 5.1: Deutsch, Englisch, Türkisch, Französisch
Weitere Informationen
EAN: 8717418078041
Hersteller: Touchstone
Erscheinungstermin: 01.01.2005
Kategorien: Action & Krimi, Komödien, Historienfilm, Abenteuer- & Actionkomödie
Altersbeschränkung: FSK 12
Vertrieb: Touchstone
Zusatzinformationen: Audiokommentar des Regisseurs; Ein Abenteuer entsteht; Kostümdesign - zeitgerecht und stilvoll; Erweiterte Sequenz: "Ein Versteck vor aller Augen"; Ansichten von Venedig; Alle Extras im engl. Original mit dt. Untertiteln;
Herstellernummer: BGB0007204
PAL: Ja
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Beschreibung von Casanova

Beschreibung 1:
Venedig, 18. Jahrhundert. Der junge, charmante Giacomo Casanova ist als unwiderstehlicher Verführer berühmt und berüchtigt. Mit größter Raffinesse erobert er jedes weibliche Herz und macht selbst vor Klostermauern nicht halt. Eines Tages passiert jedoch etwas Unvorhergesehenes: Casanova begegnet seiner großen Liebe. Doch die lässt den größten Liebhaber aller Zeiten abblitzen. Eine herbe Niederlage für den Frauenheld, der ab sofort nichts unversucht lässt, ihr Herz doch noch zu gewinnen. Ein heiteres Verwirrspiel beginnt - zwischen dem Reiz der Eroberung und der Macht echter Gefühle. Kann es sein, dass zum ersten Mal in seinem Leben Casanova verführt wird...?

Rezensionen zu Casanova

Diese Rezension wurde noch nicht bewertet
Kundenbewertung: 4 von 5
Ein bißchen rumkritteln muß ich schon, sehenswert ist der Film aber auf jeden Fall (08.09.2010)
Angesichts der Masse an Schrott, der so in Kinos und in Gestalt von DVDs auf dem Markt ist, oder was so als schier unsterbliche Wiedergänger gewisse Fernsehprogramme füllt, verdient es der Hollywood-Film Casanova von Hallström, entschieden gelobt zu werden, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Ich will nicht erst warten, dazu einen Beitrag zu leisten, bis mein Venedig-Buch erschienen ist. Daher hier ein Auszug aus dem CASANOVA-Kapitel:

Es ist wirklich ein imposanter Film. Schauspieler, Kameraführung, die ganze Ausstattung, die Action-Szenen und natürlich vor allem die prächtigen Originalaufnahmen in Venedig sind einfach beeindruckend. Gerade weil nahezu sämtliche Aufnahmen in Venedig gedreht wurden, muß ich aber darauf hinweisen, daß der Film nicht nur kaum etwas mit Casanova, sondern auch nichts mit dem Venedig des 18. Jahrhunderts zu tun hat, wenn man mal davon absieht, daß auch Casanova als junger Mann in Venedig einigen Klamauk veranstaltet hat und die Stadt die wundervolle Kulisse abgibt. So sei denn geharnischt gelobt und enthusiastisch kriti­siert, obwohl ja schon im 18. Jahrhundert die Blechkörperverpackung aus der Mode war und man seine Gefühle auch nicht mehr auf Griechisch>Latein kundtut:

Nur am Anfang und zum Schluß (den verrate ich nicht) gibt es eine Beziehung zum wirklichen Casanova (0:43, 1:40:32). Daß Casanova als Kind bei seiner Großmutter Marzia Farusi aufgewachsen ist (1:49), dürfte wahrscheinlich weitgehend bekannt sein. Um den Satz, „Eines Tages wirst du nach Venedig zurückkehren“, (2:02) zu verstehen, muß man aller­dings wissen, daß die Familie seiner Mutter aus Burano stammte. Gelegentlich zeigt man Touristen auf Mazzorbetto, einer der Nachbarinseln von Burano, das Casanova-Haus, das seiner Großmutter gehört haben soll. Es ist das dritte von insgesamt fünf Häusern rechts am Mazzorbo-Kanal, wenn man zwischen Mazzorbo und Mazzorbetto hindurch südlich Richtung Murano und Venedig fährt. Es gehört wohl einem reichen Ausländer und steht überwiegend leer. Sein Eltern­haus im eigentlichen Sinne war aber hier nicht. Am Palazzo Malipero-Capelli ist in der Calle Malipiero eine Tafel: „In einem Haus dieser Gasse, Calle della Comedia genannt, wurde am 2. April 1725 Giacomo Casanova geboren.”

Der Film spielt im Jahr 1753 in Venedig (3:48), ein sehr wichtiges Datum in Casanovas Memoiren. Da war er 28 Jahre alt. In dieser Zeit - mit Unterbrechungen von 1746 bis 1755 - wohnte er nahe der Kirche Santa Marina im Palazzo Bragadin-Carabba, der Senator Matteo Giovanni Bragadin (*1689-†1767) gehörte, einer zufälligen Bekanntschaft. Er machte sich dem als Arzt unentbehrlich, hatte freie Kost und Logis, erhielt 10 Zecchinen monatlich (das entsprach ungefähr dem Verdienst eines Lastträgers auf dem Fischmarkt, verarmte Nobili erhielten in dieser Zeit durchschnittlich das Dreifache als Unterstützung) und konnte auch die hauseigene Gondel benutzen. Später unterstütze Senator Bragadin Casanova mit erheblich größeren Summen und stellte den letzten Wechsel für ihn noch auf dem Totenbett aus. Nach dessen Tod erhielt Casanova eine - wenn auch magere - Rente von Bragadins Freund Marco Dandolo (†1779). Casanova hatte also durchaus einflußreiche Freunde um 1753, darunter auch seinen Vormund Abate Alvise Grimani und Senator Alvise Casparo Malipiero, der ihm allerdings dann seine Gunst entzog, sowie den französischen Gesandten in Venedig, François Joachim de Pierre Bernis, der 1758 Kardinal und französischer Außenminister wurde.
Casanova lebte weit über seine Verhältnisse (13:41, 25:35, 31:57, 40:24) fast wie ein Nobilòmo. Seine Film-Schulden betragen 1.500 Lire (40:24) - das sind etwa 500 Dukaten. Das war in dieser Zeit etwa der Jahresverdienst eines guten Handwerkers oder der Preis für ein paar Schuhe mit Brillantschnallen. Eine besonders prächtige Perücke kostete 70 Zechinen und Mitte des 18. Jahrhunderts galten 1.000 Dukaten Jahreseinkommen als ausreichend für die Sicherung des Lebensstandards eines Nobilòmo.
Daß im Film das Haus wiederholt als sein eigenes bezeichnet wird (43:56, 44:36, 59:21, 1:04:25), will ich als zulässige künstlerische Freiheit durchgehen lassen und auch, daß der Weg von dort, wo Papprizzios Schiff lag, zu seiner Film-Un­terkunft nicht durch einen kleineren Kanal führt (42:06), sondern lediglich über den Cànal Grande. Die wirkliche Unterkunft Casanovas zu dieser Zeit lag aber nicht am Cànal Grande, den man 40:14 aus dem Fenster sieht. Es war die Ca’Bragadin (Castello 6048) am Rio S.Lio. Auch später nutzte er angemietete Paläste, die er ohne Weiteres als seine eigenen ausgeben konnte. Im Venedig des 18. Jahrhunderts war es durchaus nicht ungewöhnlich, wenn Nobili Paläste oder Teile davon vermieteten, insbesondere die casini, die fälschlicherweise für reine Spielhöllen oder gar Bordells gehalten werden.
Daß Casanova zu dieser Zeit schon eine Berühmtheit war (17:58, 27:26, 35:34, 44:24, 1:07:28), er sich auch selbst dafür hielt (25:48), sein anrüchiger Ruf bereits bis nach Rom gedrungen war (30:04) ist durchaus wahrscheinlich. Daß aber seine Liebesabenteuer Gegenstand der weit verbreiteten Straßentheater und Puppenspiele waren (4:02, 34:42), ist eine schöne Erfindung. Umgekehrt vermutet man, daß Casanova in seinen Memoiren wohl auch so manchen Theatergeck als vorgeblich eigenes Erlebnis nacherzählt hat.

Schon bald nach dem Tod seiner Großmutter 1743 befaßte sich die Justiz mit Casanova und er kam für kurze Zeit in die Festung Sant’Andrea, wobei die Gründe nicht richtig klar sind. Seit er Senator Bragadins Mündel geworden war, führte er das Leben eines Dandy, war dadurch nicht ganz unbekannt, wurde schließlich der Leichenschändung beschuldigt und angeklagt, weil er ein Mädchen verprügelt hatte. Auf Rat seines Mentors verließ er daraufhin Venedig - für die Zeit zwi­schen 1743 und 1745 ist nicht vollständig geklärt, was er da so alles getrieben hat - und kam erst im Frühjahr 1753 zu­rück. Das heißt zum Karneval 1753 war Casanova - anders als im Film - gar nicht in Venedig. Aber der Film-Karneval findet ja auch im Sommer 1753 statt und da war er sehr wohl dort.
Um 1753/54 war die Venezianische Staatsinquisition auf Casanova aufmerksam geworden, allerdings nicht wegen Lie­besabenteuer. Senator Bragadin und dessen Freunde Marco Dandolo und Marco Barbaro (*1688-†1771) hingen gemein­sam mit Casanova Okkultem an (49:38) und waren der Freimaurerei verdächtig. Es gibt Spitzelberichte über Geistersit­zungen in der Ca’Bragadin. Vornehmlich kümmerte sich die Venezianische Staatsinquisition um Nobili und um den un­bedeutenden Casanova wohl auch nur, weil er auf diese bedeutenden Männer einen unerwünschten Einfluß ausübte. Vielleicht hatte wirklich Lucia Pisani Memmo den Staatsinquisitor Antonio Mocenigo überredet, gegen Casanova vorzuge­hen, weil sie ihre drei Söhne von Casanova fern halten wollte, wie der in seinen Memoiren vermutet. Aber dafür gibt es keinerlei Beweis. Eine solche „Überredung“ war wohl auch gar nicht nötig, denn Freimaurerei und undurchsichtige Be­ziehungen zu Ausländern genügten für eine Verhaftung. Casanova war den Freimaurern 1750 in Lyon beigetreten und die Akten zu Casanovas Verhaftung gehören zu den frühesten Dokumenten, in denen die Freimaurer in Venedig erwähnt werden (Später legte auch die spanische Inquisition ein Dossier über Casanova an.).
Der Film verschenkt leider Möglichkeiten, die aberwitzigen Praktiken des Okkultismus und der Freimau­rerei durch den Kakao zu ziehen. In den Spitzelberichten des Giambattista Manuzzi ist auch von den Liebesabenteuern des Casanova die Rede. Dafür interessierte man sich wohl weniger, um so mehr dafür, daß er Vermögen des Senators Bragadin verschwendete und enorme Spielschulden hatte: Man vermutete, er begleiche die damit, daß er Staatsgeheim­nisse an Ausländer verriet. Darauf stand nicht nur in Venedig die Todesstrafe. Kontakte zu Ausländern und insbesondere zu ausländischen Gesandten bedurften in Venedig einer ausdrücklichen Genehmigung und wurden streng überwacht, weil man stets vom Ausland geschürte Verschwörungen befürchtete (Da hätte so mancher Diktator noch was lernen können.). Über die tatsächlichen Gründe seiner Verhaftung im Juli 1755 gibt es die unterschiedlichsten Mutmaßungen, die im wesentlichen auf die in verschiedene Richtungen gehenden Vermutungen Casanovas selbst zurückgehen. Wahrscheinlich kamen mehrere zusammen. Verurteilt wurde er, wie man heute aus den Archivunterlagen weiß, „wegen öffentlicher Schmähungen gegen die Religion“ zu fünf Jahren Haft.

Wie auch immer: Auf „Die Inquisition ist hier. Sie sucht dich.“ (5:32) folgt eine schöne Verfolgungsjagd. Man sieht aus dem Fenster der Klosters rechts den Markusturm (6:17). Wenn der Verfolgte und die Verfolger auf ein Dach klettern, ist dahinter über das Dachfirst ein Glockenturm zu sehen (6:23, 6:48, 7:00). Ist das der gleiche Turm, der in anderer Blick­richtung am linken Bildrand in Verlängerung des Dachfirstes (7:04) auftaucht? Und als Casanova von Dach herunter­rutscht: Sieht man da in der entgegensetzten Richtung nicht wiederum den gleichen Glockenturm rechts am Kanal (7:12, 7:20)? Das Kloster befindet sich wohl an mindestens drei verschiedenen Stellen gleichzeitig! Hallström erklärt (6:20, 6:50, 7:05, 7:11), daß natürlich diese akrobatischen Szenen im Studio gedreht und die unbestritten sehr schönen Photos hintergelegt wurden. Hat man dabei nicht genug darauf geachtet, daß die Hintergrundbilder auch zusammenpas­sen? Dann folgt der dramatische Sprung über einen Kanal und Casanova ist in einer Universität (8:05): „...Deshalb sage ich, daß keine Frau jemals den heiligen Boden dieser Universität betreten darf.“/„So I say no woman shall ever set foot inside this university.“ Die Aufnahmen sind im von Andrea Palladio entworfenen Teatro Olimpico von Vicenza gemacht worden, erklärt Hallström (7:41). Aus seinem Kommentar dazu wird aber auch deutlich, daß er es nicht für nötig gehal­ten hat, sich genauer über die Geschichte dieses bedeutenden Bauwerkes zu informieren. Kein Problem, aber: Bis zum 19. Jahrhundert gab es in Venedig keine Universität. Erst am 6. August 1868 wurde die jetzige Universität in der Ca'­Foscari als Wirtschafts- und Handelshochschule gegründet. Die venezianische Universität war bis dahin die von Pa­dua und ein Superman-Flug von Venedig nach Padua ist im Film nicht vorgesehen.

Man schätzte in Venedig keine ge­lehrten Spekulationen, sondern praktisches Wissen. Immerhin aber schrieb Petrarca aus Venedig an Boccaccio im Jah­re 1363, er werde nirgends gebildetere Gesellschaft finden. Seit 1336 gab es im Dogenpalast eine Kanzleischule, in der Recht, Griechisch und Latein (die offiziellen Urkunden wurden in Latein ausgefertigt) unterrichtet und die 1443 erwei­tert wurde. Besonders die Franziskaner taten sich mit namhaften Gräzisten hervor und in S.Bartolomeo las Luca Pacioli Euklid. Der Doge vergab jährlich zwölf Stipendien zur Vorbereitung für ein Amt in der Staatskanzlei. 1368 wurde eine medizinische Akademie bei S.Giacomo dell'Orio eingerichtet, die die Tätigkeit der Ärzte überwachte und die dort monatlich schwere Fälle besprechen sollten. 1450 wurde eine Art öffentlicher, durch Nobili besetzter Lehrstuhl bei S.Bartolomeo eingerichtet. Die ersten Vorlesungen, die jedermann besuchen konnte, hielt Domenico Bragadin. Bei S.Luca gab es schon im 15./16. Jahrhundert ein Medizinerkolleg und bei S.Marco lehrten zwei staatlich bezahlte Lektoren Griechisch und Geschichte. Ab 1502 bezahlte der Doge öffentliche Vorträge von Rechtsgelehrten. Darüber hinaus veranstaltete u.a. das Seminario Patiarcale5 Übungen zur Experimentalphysik und es gab noch weitere Priesterseminare, z.B. bei S.Giovanni in Bragora das Collegium artium, das von Papst Paul II. Barbo (*1418, 1464-†71) zum Collegium artium liberalium (artistarum) et physicorum erhoben worden war. 1619 wurde die Accademia dei Nobili zur Ausbildung wenig begüterter Standesangehöriger auf Giudecca eingerichtet. Tommaso Talenti begründete eine Schule für Logik und Philosophie am Rialto. Im Jahre 1706 gab es in der Markusbibliothek neben Vorlesungen über Medizin, Rechtslehre, Notariat, Rhetorik, Länder- und Völkerkunde auch solche zur Moralphilosophie. Schließlich gab es private Akademien und auch solche, die einen religiösen Hintergrund hatten, aber durchaus wissenschaftlich orientiert waren wie etwa die 1684 vom Franziskanergeographen Vincenzo Maria Coronelli gegründete Accademia geografica degli Argonauti. Hier hätte der Film also genügend Möglichkeiten gehabt, historisch präziser zu sein.
Auch eine berühmte Familie Guardi (der Name wird 9:01 eingeführt) gab es wirklich. Vielleicht war da auch ein herun­tergekommener, versoffener Diener dabei. Giacomo Casanova hat gleich zwei Guardi gekannt: Die Malerbrüder Giovanni Antonio (*1699-†1760) und Francesco Guardi (*1712-†1797), die selbst Schüler von Canaletto gewesen waren und bei denen sein Bruder Giovanni Battista Casanova (*1730-†1795) lernte. Die Guardi hatten auch eine Schwester, die Giovanni Battista Tiepolo heiratete. Na schön, hätte man noch Beziehungen zu berühmten Malerdynastien und Casanovas Verwandtschaft in den Film eingebaut, wäre das ganze wahrscheinlich zu sehr ausgeufert.

Daß eine berühmte Nonne mit der Kutsche zum Kardinal Lopresta nach Rom abfährt (11:55), kann ja durchaus o.k. sein. Sicher ist sie zuvor zum Festland gebracht worden. Die Aufnahmen sind allerdings, wie aus dem Muster des Pflasters zu schließen ist, auf dem Markusplatz gemacht worden und der übergangslose Schnitt zum anschließenden Blick in die Galerie des Dogenpalastes (12:00) ist vielleicht etwas unvermittelt. Aber ginge das Gespräch des Dogen mit Casanova so (bis 13:17)? Vielleicht sah der Doge Francesco Loredan (*1685, 1752-†62), der hier - 1753 - 68 Jahre alt ist, wirklich so jugendlich aus. Aber unmöglich redete er so - wenn überhaupt - mit einem Popolano. Vor allem aber wurde jeder Doge bei allen Kontakten peinlichst von seinen Räten überwacht. Die Männlein im Hintergrund und mit respektvollem Abstand sollen offensichtlich keine Dogenräte darstellen, sondern nur zwei Wachen zur Sicherheit. Schade, hier hat man verschenkt, den Dogen als Gefangenen im eigenen Haus zu zeigen.
Es ist die Rede davon, daß in „wenigen Tagen“ (13:08) der Karneval beginnt. Der wurde im historischen Venedig vom Stephanstag, dem 26. Dezember, an gefeiert. Selbst wenn wir den modernen, sehr verkürzten venezianischen Karneval nehmen, der ja nur zwei Wochen dauert, ist es in jedem Fall Winter. Dafür ist es im ganzen Film aber etwas zu heftig sommerlich. Ich mag ja auch lieber den Sommer und so genau nahm man es im 17. Jahrhundert nicht mehr mit der Fastenzeit: Der Karneval dauerte da insge­samt fünf Monate.

Sich wegen der Ehre zu duellieren, war im 18. Jahrhundert weit verbreitet, obwohl Duelle - nicht nur in Venedig - bereits streng verboten waren (hier seit 1676). Casanova will sich ja auch nicht darauf einlassen (19:34), zumal er als Kind von Schauspielern gar nicht satisfaktionsfähig war. Das war dagegen im Film Giovanni Bruni, denn sein Vater war venezianischer Gesandter beim Heiligen Stuhl in Rom (53:21), was nur sehr reiche Nobili werden konnten, also ist Giovanni Bruni selbst ein Nobilòmo. Die Posten der venezianischer Gesandten waren mit hohem Ansehen verbunden, erforderten aber von ihren Inhabern enorme private Aufwendungen. Das erklärt vielleicht auch, warum die Familie verarmt ist (15:34, 32:15, 33:01).
In einigen der vielen sehr schönen, ähnlichen Aufnahmen (14:43, 16:44, 18:50, 50:17; ab 101:58 wird dann diese zarte Erotik handgreiflich aufgelöst) sieht man Giovanni Bruni in unerfüllter Liebe schmachtend am Fenster. Damit ist eine Stelle aus den Memoiren von Giacomo Casanova mehrfach ebenso eindringlich wie zart in Szene gesetzt: „Er liebte Teresa, die Tochter des Schauspielers Imer, der unweit seines Palastes in einem Hause wohnte, dessen Fenster seinem Schlafzimmer gegenüber lagen. Das Mädchen war damals siebzehn Jahre alt, hübsch, launisch und kokett. Sie... hatte... mit ihren Reizen völlig berauscht“. Das ist wahre Filmkunst, Situationen, Umstände, Verhältnisse, die man mit Worten nur unzulänglich erklären kann, in einprägsamen Bildern darzustellen. Bravo! Ich habe bei dem Zitat zuletzt zwei Worte weggelassen, um so eine Pointe zu setzen. Sie lauten: „den Greis“.
Daß die Schwester Francesca Bruni eine außerordentlich brillante und streitbare Schriftstellerin ist, fällt in Venedig nicht völlig aus dem Rahmen: Die erste professionelle Schriftstellerin des Abendlandes, Christiane de Pisan (Le livre de la citè des dames 1404), stammte aus Venedig, Cassandra und Gaspara Stampa (*1523-†54) waren berühmte venezianische Dichterinnen (ebenso ihr Bruder Baldassare), Isabella Cortese verfaßte im 16. Jahrhundert eine bedeutendes alchemistisches Rezeptbuch (I Secreti medicinali artificiosi et alchemici). Die ehemalige Kurtisane Veronica Franco (*1546-†91) wurde als Lyrikerin berühmt, von Moderata Fonte (*1555-†92) stammt eine bedeutende Streitschrift zur Gleichwertigkeit der Frauen8, Lucretia Marinelli (*1571-†1653) war eine vielgelesene Literatin, Arcangela Tarabotti (*1604-†52) war eine für die Rechte der Frauen mit der Feder streitende Benediktinerin, Sara Coppio Sullam eine bekannt jüdische Schriftstellerin, die Anfang des 17. Jahrhunderts in Venedig einen vielbesuchten literarischen Salon unterhielt. Die Venezianerin Elena Lucretia Corner Piscopia (*1646) war die erste Frau überhaupt, die einen Doktortitel erwarb.

Die rasanten Duellszenen (21:51) und der Ausritt (21:11, 23:22) sind, wie Hallström erläutert (23:24) auf einer Lagu­neninsel gedreht worden. Als historischer Ort wäre es sicher Giudecca (eine Kirche S.Cremori - 19:45 - gab es aber nicht), denn die Überfahrt nach Venedig ist nicht weit (25:07, 25:18) und hier gab es auch Reitställe (25:11). Am 22. Ja­nuar 1738 fand z.B. in den Klostergärten von S.Giovanni Battista (dort, wo jetzt die Gärten des Hotel Cipriani sind) ein Duell zwischen Emilio Arnaldi und Giorgio Alvise Barizza statt, bei dem dessen Cousin Graf Vincenzo di Silva als Se­kundant fungierte. Die beiden letzteren wurden, da Duelle seit 1631 als „verabscheuungswürdige Verbrechen“ verboten waren, aus Venedig verbannt, während Arnaldi, der beim Duell leicht verwundet worden war, freigesprochen wurde. An den Duellszenen gibt es also nichts zu meckern, auch nicht, daß Casanova nicht wirklich ein Duell in Venedig, sondern am 5. März 1766 mit dem polnischen Graf Branicki hatte. Meckern muß ich allerdings, wenn man immer wieder mal moderne Gondeln sieht (z.B. 26:10, 28:31, 42:06). Sie wurden teilweise den früheren, historischen Modellen angepaßt, die des 18. Jahrhunderts sahen aber etwas anders aus.
Und wieso trinkt man im Film eigentlich andauernd Tee (32:12, 46:51, 50:50, 54:50, 58:48)? Wollte der Regisseur den amerikanischen und englischen Zuschauern damit ein heimeliges Gefühl vermitteln? In England kam das exzessive Teetrinken aber erst so richtig auf, nachdem Queen Victoria Kaiserin von Indien geworden war. In London gab es bereits im 17. Jahrhundert berühmte Kaffeehäuser, zu Beginn des 18. Jahr­hunderts eigens Rules and Orders of the Coffee Houeses für die mehr als 3.000 Kaffeehäuser. Das kontinentale Mode­getränk des 18. Jahrhunderts war jedoch auch in Venedig Schokolade, man schnupfte exessiv Tabak und natürlich trank man auch Kaffee.

Der Designer David Gropman wußte besser als der Regisseur, wie Buchläden im 18. Jahrhundert in Venedig aussahen. Er hatte vielleicht Johann Caspar Goethe S. 48f gelesen: „Man stellt Bücher in den Läden fast immer ohne Einband auf, und so könnte man leicht glauben, man sei bei einem Buchbinder und nicht bei einem Verkäufer... Leute besuchen deshalb die Läden eher, um dort zu studieren und die Bücher zu benützen, als um sie zu kaufen. Die Buchläden scheinen auf diese Weise so etwas wie öffentliche Bibliotheken zu sein“. Während sein Szenenbild historisch völlig korrekt ist, lag Hallström dagegen die Szene kommentierend (37:44, s.a. 56:01) haarscharf falsch: „Damals wurden die Bücher jedoch nicht auf Tischen ausgelegt und obwohl ich nicht weiß, wie die Realität genau aussah, denke ich, dass die Bücher schlicht und einfach in Wandregalen standen.“

Aber nun die berühmt-berüchtigte Inquisition: Die Untersuchungen führt zunächst ein Pater Dolfonso. Wie überall war es auch in Venedig zunächst Sache der Bischöfe, Abweichungen vom rechten Glauben zu verfolgen. Die Glaubensgerichtsbarkeit konnte in Venedig nur nach Genehmigung des Dogen, die für jeden Einzelfall erforderlich war, tätig werden. In der Dogenpromission von 1249 wurde die Ketzerverfolgung unter der einschränkenden Bedingung anerkannt, daß sowohl die Einleitung eines Verfahrens durch den Bischof bzw. Patriarchen wie auch das Urteil von der Zustimmung des Dogen, des Kleinen Rates und des Großen Rates abhängig ist. Erst nach längeren Verhandlungen erreichte die Römische Kurie am 28. August 1289 eine Gesetz über Ketzergerichte, in dem festgelegt wurde, daß das kirchliche Inquisitionstribunal in Venedig aus dem päpstlichen Nuntius, dem Bischof und einem weiteren Geistlichen besteht und die beiden letzteren dieses Amt ohne Bestätigung des Dogen nicht ausüben durften. Vergleichbares galt für die venezianischen Besitzungen außerhalb der Stadt. Jedes Verfahren bedurfte der ausdrücklichen Zustimmung des Dogen und die von ihm eingesetzte Aufseher (Savi contro l'Ecclesia) hatten die Glaubensreinheit, den Schutz des venezianischen Eigentums und die Rechte der Regierung in Einklang zu bringen. Sie hatten die Möglichkeit, ein Verfahren auszusetzen oder ein Urteil zu kassieren. Wenn sie bei einem Prozeß nicht anwesend waren, war er nichtig. Die Religionsgerichtsbarkeit wurde spätestens am 20. September 1335 dem Patriarchen entzogen und vom Großen Rat ein Blasphemiemagistrat (Sapientes haeresiarum) gewählt.´
Der päpstliche Legat Bischof Niccolò Franco von Treviso verkündete, dem Beschluß eines Konzils in Treviso aus dem Jahre 1491 folgend, Einschränkungen für den Druck von Büchern zu kirchlichen Themen. 1542 wurde die Edition von Büchern, die Italiener im Exil geschrieben hatten, sowie von Autoren, die als Protestanten bekannt waren, in Venedig verboten. Gewirkt hat das Verbot kaum. 1544 kam Giovanni della Casa als päpstlicher Nuntius nach Venedig, kämpfte unermüdlich gegen den Protestantismus und richtete Inquisitionstribunale ein. 1549 folgte der Index der verbotenen Bücher. Die Festlegung des Rats der Zehn vom November 1550, daß bei Glaubensgerichten stets ein Staatsvertreter anwesend sein müsse, erscheint wie eine Antwort darauf, wurde jedenfalls in Rom so aufgefaßt. Die gegen diese Festlegung des Zehnerrates gerichtete Bulle aus dem Jahre 1551 war völlig wirkungslos. „Bei uns... gehört das Amt der Inquisition der Serenissima und nicht dem römischen Gericht“, sagte der später zum Dogen gewählte Alvise Mocenigo.
Die Heilige Inquisition wurde zunächst im Kloster S.Dominico (es war dort, wo seit 1885 das Garibaldi-Denkmal von Augusto Benvenuti steht) untergebracht. Jedes Jahr am 29. April wurden hier die indizierten Bücher verbrannt und ihre Asche in den Rio di Sant’Anna geschüttet. 1560 zog die Inquisition in die Frari-Kirche. Aber das war nur eine Episode im religiös toleranten und pragmatischen Venedig. 1550 wurde eine Verordnung erlassen, die Venezianische Bürger ausdrücklich vor Willkürmaßnahmen schützte. 1593 wurde der Venezianische Gesandte in Rom, Paolo Paruta, beauftragt, gegen den von Papst Clemens VIII. erlassenen Index der verbotenen Bücher zu protestieren. Die pragmatische Toleranz Venedigs ging sogar soweit, dem Jesuitenorden, mit dem man immer wieder Konflikte gehabt hatte, nach dessen Auflösung 1773 durch Papst Clemens XIV. nicht mittellos zu lassen: Die Ex-Jesuiten erhielten eine Entschädigung aus der Kasse opere pie.
Seit dem 16. Jahrhundert war es in Venedig Sache der Magistratur der drei Staatsinquisitoren, Hochverrat, Spionage, Geheimnisverrat, Sabotage (darunter auch Geldfälscherei), Konspiration jeglicher Art, Wirtschaftsvergehen, Gewaltakte und andere Störungen des inneren Friedens zu verfolgen sowie über die guten Sitten zu wachen und Duelle zu verhin­dern und darüber zu urteilen. Die Staatsinquisitoren verließen sich seit 1583 auch auf bezahlte Spitzel (spirri, confiden­ti), Folter (seit 1584; der Heiligen Inquisition war die Anwendung der Folter 1252 durch Papst Innozenz IV. mit der Bulle Ad extirpada erlaubt worden) und die Löwenmäuler, das sind die Briefschlitze für Anzeigen, die der Rat der Zehn seit 1387 annahm. Damit die Anzeigen nicht überhand nahmen und die Verfahren nicht ausuferten wurde dafür extra das Quorum erhöht: Um überhaupt ein Verfahren einzuleiten war eine 4/5-Mehrheit des Rates der Zehn erforderlich und über Urteile mußte fünf Mal abgestimmt werden. Anonyme Denunziationen und die, für die es nicht mindestens zwei Zeugen gab, wurden verbrannt.
Da Kirchenmänner in Venedig weder wahlberechtigt waren, noch staatliche Ämter ausüben durf­ten, kann der Inquisitor kein Pater sein. Es war aber möglich, daß ein Kirchenmann die Voruntersuchung führte. Dem Film-Casanova wird im wesentlichen Ketzerei und Unzucht mit einer Novizin vorgeworfen (10:20). Dafür interessierte sich die Venezianische Staatsinquisition kaum und überließ das gern der Kirche. Dieser Unterschied zwischen dem Heiligen Offizium und der Venezianischen Staatsinquisition ist für den wirklichen Casanova so selbstverständlich, daß er nur beiläufig in einem Satz seiner Memoiren darauf hinweist.
Zeugen wurden niemals in Anwesenheit der Deliquienten verhört (10:03, 1:27:28) und der Untersuchungsführende verkündete in Inquisitionsprozessen auch nicht gleich das Urteil (10:27). Giacomo Casanova dazu: „Wenn dieses Tribunal (die Venezianische Staatsinquisition) gegen einen Verbrecher einschreitet, ist es bereits davon überzeugt, daß er einer ist; was sollte es also noch mit ihm sprechen? Und wenn es ihn verurteilt hat, welche Notwendigkeit besteht, ihm die schlechte Nachricht von dem Richterspruch zu bringen? Seine Zustimmung ist nicht notwendig...“ Das Urteil fällte niemals wie im Film ein Einzelrichter. Im zweiten Verfahren hat der Doge dann wenigstens Beisitzer (1:25:39). Im ersten Verfahren kommt dafür sodann auch gleich der Doge als deus ex machina (10:36) und wird seltsamerweise mit „Prinz“/„Prince“ (10:41) angesprochen. Da hätte man sich aber wirklich genauer erkundigen können: Der Priester hätte den Dogen im 17. Jahrhundert auch mit Sua Ecellenza (diese Anrede kam erst im 16. Jahrhundert auf) angeredet, wie Casanova (12:34), und jener sprach - seit dem Dogen Francesco Foscari - von sich selbst im königlichen Plural (pluralis maestatis).
Die Anrede „Euer Gnaden“/„Your Grace“ (1:04:50) für den Dogen ist ganz und gar unmöglich, denn sie wurde in der Zeit des Dogen Antonio Veniér bei Geldstrafe verboten! „Durchlaucht“/„My Lord“ (1:25:40) als Übersetzung der Dogenanrede Serenissimo scheint mir unpassend, obwohl ich zugeben muß, daß man in Venedig auf der Fürstenanrede für den obersten Beamten bestand. Ich übersetze aber Serenissimo mit „Allerheiterster“. Man achtete in Venedig peinlichst darauf, daß der Doge - bei allem Pomp, mit dem er als Repräsentant Venedigs auftrat - nicht allzusehr persönlich von den anderen Nobili abgehoben wurde. Bereits Mitte des 10. Jahrhunderts wurde mit zwei Dokumenten des Dogen Pietro Candiano IV. das Epitheton "Senior" für den Dogen eingeführt und dieser ursprünglich sehr heraushebende Namenszusatz (die Untertanen, selbst Bischöfe sind im Verhältnis dazu die fideles = Kinder) wurde später zu seiner einfachen Anrede und abgekürzt "ser" war dies der Zusatz zum Taufnamen für alle venezianischen Nobili, die sich seit dem 15. Jahrhundert auch allgemein mit "Magnificentia" anreden ließen. Dem Doge wurden zwar auszeichnende Beiworte - incilitus, sereneissimus, excellentissimus - gegönnt, anläßlich der Wahl des Dogen Michele Steno legten die Correttori aber fest, daß anstelle der Dogenanrede Domine einfach "misier" zu gebrauchen sei (auch für die Prokuratoren üblich) oder "mio signore", "messer lo doxe".
Wie der Großinquisitor erscheint (42:30) - na das kennt man doch, wenn der Chef unzufrieden ist und vor allem verär­gert, daß er die Arbeit nun selbst machen muß... Da kommt richtig schön Schadenfreude auf! Allerdings hätte der Großinquisitor gar nicht in Venedig tätig werden können. Genau genommen gab es überhaupt nur einen einzigen „Großinquisitor der Römischen und Universalen Kirche“: Michele Ghislieri - das ist der spätere heilige Papst Pius V. - erhielt diesen Titel am 14. September 1558 von Papst Pius IV. Da will ich aber mal nicht so pingelig sein. Auf jeden Fall muß der von Rom eigens entsandte Inquisitor ein höherer Kirchenbeamter sein, damit er den Pater Dalfonso so schön im Film zu den Kannibalen schicken kann (43:31): „to be eaten“ (44:44). Keine Erklärung fällt mir dafür ein, daß der Patriarch von Venedig, der immerhin nach dem Papst der ranghöchste Kirchenmann ist, im Film nicht vorkommt. Das war stets ein venezianischer Nobilòmo ecclesiae (1753 Lodovico Foscari) und es hätte sich gut gemacht, zu zeigen, wie der zwischen der Loyalität zu Venedig und der Verpflichtung dem Papst gegenüber hin-und-hergerissen ist.
Ein Inquisitionsgericht war natürlich nicht ein Gericht wie man es heute kennt, aber es kam dem jedenfalls näher, als etwa die weltlichen Gerichte in Deutschland, Frankreich, Österreich, Spanien zur gleichen Zeit. Daher ist es gar nicht so falsch, wenn einem das Gericht eigentlich recht modern vorkommt in wunderschöner, originaler historischer Kulisse. Zwar wurden die Zeugen den Deliquienten nicht bekannt gegeben und schon gar nicht in ihrer Anwesenheit verhört (9:58, 1:28:50) und von der Folter (58:16, 1:08:26) wurde - anders bei den weltlichen Gerichten andernorts - nur sehr sparsam Gebrauch gemacht. Dafür sind die Folterinstrumente sehr schön und original aus einem Museum, erläutert Hallström (58:38, 1:08:38).
Es war tatsächlich so, daß sowohl bei der kirchlichen wie auch bei der Venezianischen Inquisition die Beschuldigten obligatorisch einen Verteidiger hatten (1:25:42). Auch das war andernorts bei weltlichen Gerichten nicht üblich. Seit dem 15. Jahrhundert gab es in Venedig sogar Gefängnisanwälte, die als Verteidiger für mittellose Angeklagte zur Verfügung standen. Bei der Venezianischen Staatsinquisition gab es auch einen Ankläger (1:25:54), während ein anderer Inquisitor oder der Doge den Vorsitz (1:25:40) führte. Bei der kirchlichen Inquisition war allerdings Ankläger und Richter ein und derselbe. Dafür bekamen die armen Teufel im kirchlichen Inquisitionsprozeß wenigstens das Urteil mitgeteilt, die Venezianische Staatsinquisition hielt das gewöhnlich für überflüssig: Die merkten ja auch so, wenn sie hingerichtet wurden. Meistens wurden sie aber nur verbannt oder sie saßen eben auf unbestimmte Zeit ein. Die schöne Gerichtsverhandlung im Film hätte also - wäre man historisch getreu verfahren - nicht funktioniert. Da habe ich auch so recht keine Idee, wie man das Problem besser lösen könnte.

Ab 33:38 gibt es wunderschöne Aufnahmen in Santa Maria della Visitazione (auch della Pietà genannt). Hallström irrt allerdings, wenn er meint, hier hätte der Priester und Komponist Antonio Vivaldi gewirkt (33:40). Fra Antonio Vivaldi war zwar tatsächlich am Ospedale della Pietà ab 1703 Maestro di Violino und ab 1716 Maestro de’Concerti und schuf für die Kirche viele Kompositionen, nur diese Kirche gab es da noch gar nicht. Die alte Kirche aus dem 15. Jahrhundert stand am Platz des jetzigen Hotel Metropol, der Neubau wurde erst nach dem Tod des Komponisten 1745-1760 von Giórgio Massari errichtet.

Das Schmalzschiff legt direkt vor Santa Maria della Salute an (40:54, 1:36:20) und ab (1:36:59), liegt allerdings dann auch mal ein wenig mehr flußaufwärts (1:36:25, 1:36:37), denn sonst hätte man Salute nicht rechts im Bildhintergrund sehen können, dann dagegen wieder ein wenig flußabwärts (1:36:30). Das ist nicht ganz, aber fast korrekt, denn die Schiffe mußten selbstverständlich zunächst am Zollkai Dogana anlegen, den man bei der Ankunft des Schiffes (40:51) und dann etwas weiter aus der entgegengesetzten Richtung rechts flußabwärts sieht (40:53, 41:39, 1:36:30). Aber wieso kommt das Schmalz ausgerechnet aus Genua? Man sieht, daß das Schiff auf dem Decks­haus ca. 35 Fässer, die ungefähr 80 cm hoch sind, und 9 große Kisten geladen hat (41:00, 41:18). Mehr wird es bei sei­ner Konstruktion, dem schweren Deckshaus und dem durch Aufbauten und Ladung hohen Schwerpunkt kaum tragen können - falls es überhaupt seetüchtig ist. Es ähnelt sehr den Burchielli, die als eine Art Wasserbusse landwärts und die Flüsse entlang fuhren. Der Seetransport von Genua nach Venedig hätte das Schmalz um ein Vielfaches verteuert! Und ein Kaufmann aus Genua - dem Erzfeind Venedigs über Jahrhunderte - wäre in Venedig wohl kaum so selbstbewußt (41:06, 1:12:25) aufgetreten. An ihrem Selbstbewußtsein ließ die Allerheiterste nicht kratzen. Da war es wirklich mit der Heiterkeit vorbei.´

Die Anwesenheit eines Großinquisitors in Venedig hätte natürlich auch hektische Aktivitäten ausgelöst. Daß man dem Dogen nur schnell sagt, daß der in Venedig sei (1:11:26), ist ein bißchen merkwürdig. Daß er aber dessen Ornat für ein Karnevalskostüm hält (1:11:06), ist durchaus nicht unrealistisch, denn es gab und gibt kein Monopol auf priesterliche Ausstattung, die im Prinzip jeder anziehen kann. In Deutschland war und ist übrigens die Berufsbezeichnung „Inquisitor“ nicht geschützt und jeder Freiberufler kann als solcher auftreten (Ich denke gerade darüber nach, ob ich diese Berufsbezeichnung werbewirksam nutzen kann.). Im 15./16. Jahrhundert gab es in Deutschland eine Menge solcher durch nichts und niemanden autorisierte Freischaffenden mit den bekannten unerquicklichen Folgen, die gemeinhin aus Unwissenheit oder böser Absicht der Kirche angelastet werden.
Mit der schön hintergründigen, an den Dogen gerichteten Bemerkung des Großinquisitors, „Die Freiheit dieser Stadt baumelt am Gürtel des Vatikans“ (1:11:46), hat der Übersetzer den deutschsprachigen Zuschauer wohl für überfordert gehalten und der Text ist daher in der deutsche Synchronisation leider viel weniger elegant formuliert, die dazugehörige Geste unverständlich: „Denn die Freiheit Venedigs hängt nämlich von der Gnade des Vatikans ab.“ Geschmeidiger und historisch passend mehrdeutiger wäre als deutscher Text an dieser Stelle gewesen: „Denn die Freiheit Venedigs hängt am seidenen Faden.“ (Ebenfalls neun Silben) In der Realität hätte diese unverhohlene Drohung allerdings einen schweren diplomatischen Konflikt ausgelöst. Diese Haltung der Venezianer hat sich bis heute nicht geändert: Hallström berichtet, daß die Zuschauer bei der ersten Vorführung des Films 2005 in Venedig der Szene, wo Pietro Paprizzio den Großinquisitor aus dem Anzug hebt (1:14:12), vergnügt Beifall geklatscht haben.

Der Flug mit dem Fesselballon ist historisch durchaus nicht abwegig, allerdings wurde der Leuchtturm vor der Ísola di S.Giórgio Maggiore (1:15:53) erst Anfang des 19. Jahrhunderts von Giuseppe Mezzani für den Freihafen errichtet. Der erste Flug mit einem Heißluftballon in Venedig wurde am 15. April 1754 von Francesco Pesaro unternommen und Francesco Guardi malte davon ein schönes Bild, das man im Film schön hätte nachgestalten können. Schade, daß man solch ein Highlight der Filmkunst versäumt hat. Der Blick auf Venedig aus der Luft (1:16:24, 1:17:40) ist, wie Hallström erläutert (1:16:), von einem Modell aufgenommen worden. Allerdings haben die Behörden, die offenbar kei­ne Original-Luftaufnahmen im Film wollten - schade! - nicht ganz die Wahrheit gesagt, denn es ist keineswegs so, daß Hubschrauberflüge über Venedig nicht erlaubt sind, wie der Produzent Mark Gordon erzählt (11:16). Er hätte auch leicht herausfinden können, daß das nicht stimmt, denn gelegentlich - z.B. zu den Filmfestivals - erlaubt man es Prominenten, vom Flughafen Marco Polo mit den Hubschrauber zum Lido zu fliegen, und es wurden sogar schon Hubschrauber­rundflüge angeboten und ab dem 1. September 2010 soll es Zeppelin-Rundflüge (20 Minuten für 249 €) geben meldete die Zeitung La Repubblica (www.stol.it v. 28. September 2009). Aber mit Behörden ist eben schlecht streiten.

Öffentliche Hinrichtungen fanden nicht vor, sondern zwischen den Säulen des heiligen Markus und des heiligen Theodor statt, waren aber selten. Historisch exakt gedreht hätte man aber nicht so schön groß im Film den Markuslöwen auf der Säule hinter dem Galgen sehen können (1:28:47, 1:31:27, 1:34:01). Wieso aber kommt der Kardinal mit einer Kut­sche (1:29:56) auf dem Markusplatz an? Verständlich, daß die Venezianer das nicht wollten. Pferde wären ja noch möglich gewesen. Die Produzentin Leslie Holleran verkennt offensichtlich die Gründe, warum man in Venedig diese Filmidee nicht wollte (4:42). Es geht nicht darum, daß man in Venedig alles, was vom Festland kommt, nicht mag, son­dern daß Kutschen in Venedig einfach eine Unmöglichkeit sind. Die hohen Transportkosten, über die Hallström klagt (23:20, 29:11), hätte er sich teilweise sparen können (Selbstverständlich gehört es zur obligatorischen Übung eines Re­gisseurs, über zu knappes Budget zu klagen: auch 27:45). Warum aber hat man diese Szenen nicht anders gestaltet, z.B. mit Prunkbarken, die 1:15:18, 1:25:45 zu sehen sind und die man z.B. jedes Jahr bei der Regata storica bewundern kann? Außerdem - ich will nicht zu viel vom schönen Film verraten: Von Triest nach Venedig nahm man natürlich ein Schiff, denn der Weg war kürzer und Schiffe waren ohnehin schneller als Kutschen. Die Flucht hätte man z.B. sehr schön mit einem Helfer gestalten können, der im Türkenflug - es ist schließlich Karneval - herabschwebt, während die Hinzurichtenden die Henker verprügeln, sich beide schnappt und mit ihnen auf die Barke schwingt. Daran anschließend eine tolles Verfolgungsrennen mit Booten - Fechtszene auf Gondeln (das gab es wohl noch nicht im Film) - Casanova fällt vom Boot und Diener Lupo Salvato versucht verzweifelt, es im Wasser zu bremsen, um ihn wieder aufzufischen - Kämpfe beim Umsteigen am Ufer (da muß also der Kai vor Salute dicht mit Schiffen belegt sein, damit ein Stück Weg plausibel ist) - Casanova erreicht - dramatisch, dramatisch! - als letzter das Schiff usw., usw. Das geht doch!
Die Venezianische Stadtverwaltung hätte nicht Aufnahmen vom Hubschrauber, sondern besser die Aufnahmen mit der Kutsche verhindern sollen! Die Kutsche fährt zwischen Markusbibliothek und Markusturm hindurch (1:34:21) Rich­tung Ala Napoléonica, die es im 17. Jahrhundert noch nicht gab und diesen Gebäudeteil sieht man im Film tunlichst nicht. Die Durchgänge durch den damaligen Flügel der Neuen Prokuratorien waren sicher enger, als die durch die Ala Napoléonica und die Straße dahinter wurde erst 1880 verbreitert: Für Kutschen damals wie heute unpassierbar! Auch in alle anderen Richtungen gab und gibt es keinen Weg vom Markusplatz weg für eine Kutsche.
Und um vom Markusplatz nach Salute zu kommen, wo Paprizzios Schiff liegt, brauchte man ein Boot, denn das ist auf der anderen Seite des Cànal Grande und die Akademiebrücke gab es noch nicht. Paprizzio sagt 1:35:17 in deutscher Synchronisa­tion: „Fliehen wir auf mein Schiff. Es liegt im Hafen.“ Da hätte sich der deutsche Texter, dem der englische Text, „Let’s escape to my barge. It’s by the water.“, offenbar etwas seltsam vorkam (Wo sollte das Schiff wohl sonst liegen?), etwas genauer erkundigen sollen: Diese Redeweise im deutschsprachigen Text wäre im 17. Jahrhundert in Venedig unver­ständlich gewesen, denn Venedig hatte da keinen Hafen („...by the custum-house“ wäre richtig gewesen). Der Hafen war Venedig selbst. In Venedig wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts in der Zeit der zweiten Napoléonherrschaft die Ha­fenanlage vor der Ísola di S.GiórgioMaggiore und dann ab 1868 die Staziona Marittima, gebaut, die erst 1880 eröffnet wurde.
Schließlich gibt es ein schönes Hollywoodhappyend.

Alle sind glücklich - außer natürlich der Großinquisitor, der rück­lings in ein Boot fällt. Sehr gut: Dafür hat man ein Sandolo (1:38:52) genommen und keine Gondel. Am besten gefällt mir, daß auch das Schwein Bimba auf der wie üblich sehr langen Hollywood-Gehaltsliste im Abspann genannt wird (1:42:25), obwohl es doch ein Versager war, wie der Regisseur beklagt (55:57, 1:07:55).
Lassen Sie sich die Freude an den brillanten Schauspielern, hintergründigen Dialogen, prächtigen Kostümen und Aus­stattungen, vorzüglichen Aufnahmen, am amüsantem Klamauk nicht verderben. Es ist wirklich ein schöner Film, den zu genießen ich ehrlich empfehlen kann. Über Giacomo Casanova und Venedig erfahren Sie aus diesem Film aber nichts. Das meiste, was dort als Fakten oder historische Umstände unterstellt wird, ist eben schlechterdings falsch. Auch von den berühmten Memoiren findet sich in dem Film nichts. Er ersetzt es also nicht, sie zu lesen!
Und generell: Bücher kaufen, sonst gibt es irgendwann keine mehr! Wie das werden könnte, führt die Utopie von Franz Fühmann "Pavlos Papierbuch" (1981) vor.
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